
Heute lesen Sie Texte aus der
Schreibwerkstatt der gymnasialen Oberstufe (GymO 13):
Extreme Arnsberging!

Schreibimpuls: Stilisierung
Bekannte Orte, bekannte Situationen
verfremden. Ein Western auf dem Marktplatz? Unheimliche Begegnung der dritten Art in der
Disco.
Oder: Schüler schreiben in der Schreibwerkstatt als
Sträflingsroman?
Ort des Vergessens
Der Sträflingszug mit der passenden Nummer 666 traf wie jeden
Donnerstag um Punkt 7.30 Uhr in der Gefängnisstadt Neheim ein, und wie an nahezu jedem
Donnerstag seit dem 04.07.2013, der Eröffnung dieses Endes, regnete es. Es mußte ein
Regen aus Tränen sein, den Tränen der Hinterlassenen, die wußten, daß sie ihre
Freunde, Kinder oder Ehepartner nie wiedersehen würden. Denn wenn man dieses Bauwerk sah,
verlor man jedwede Hoffnung auf Flucht. Die Gefängnisstadt war von allen Seiten mit einer
25 Meter hohen und 5 Meter breiten Mauer umschlossen, an der überall Wachtürme standen.
Diese Wachtürme waren mit tödlich präziser Infrarottechnik zur Aufspürung und
Vernichtung von eventuellen Flüchtlingen ausgestattet. Als also der besagte Zug eintraf,
stiegen 16 vom Schicksal gezeichnete Gestalten in dreckigen, vom Regen durchnäßten,
grauen Einheitsoveralls aus. Es war jetzt genau 7.31 Uhr. Sie hatten also noch neun
Minuten, um ihr Zielarbeitslager, genannt Schreibwerkstatt, zu erreichen, in dem sie ihr
restliches, endlos erscheinendes Leben unter den miesesten Bedingungen nahezu ohne Pause
schuften mußten. Es war jetzt ihr erster Tag im Schatten der Gefängnisstadt, doch bei
ihrem Anblick begriffen sie bald, daß dieser auch ihr letzter sein würde. Sie waren sich
bewußt, daß ihr Leben in genau neun Minuten in der Hölle enden würde. Sie würden ihre
Identität verlieren und als eine Nummer enden. Klaus Kortmann kamen diese Gedanken nur
allzu deutlich zu Bewußtsein und Panik stieg in ihm auf. Er wollte einfach nicht so enden
und rannte los. Doch schneller als ein Gedanke sackte sein lebloser Körper auf dem
Asphalt zusammen. Der Aufseher Strätz hatte ihn, ohne eine Miene zu verziehen,
niedergestreckt. Er arbeitete schon seit etwa drei Jahren hier und kannte solche Vorfälle
schon. Im Gegensatz zu früher schockierten sie ihn auch nicht mehr. Strätz brachte den
Leichnam zu einem jener großen Löcher, die in regelmäßigen Abständen im Boden zu
sehen waren. Es waren Massengräber. Die meisten schon halb gefüllt. Es war ein
schrecklicher Anblick, diese aufeinandergetürmten Leichen, mit leerem Blick, einige
Körper schon halb zerfallen oder wurmzerfressen. Auch wenn es die Gefängnisstadt mit all
ihren Wächtern und Gefangenen schon längst nicht mehr geben würde: an diesen Stellen
wird niemals mehr Leben wachsen.
Die jetzt nur noch 15 Sträflinge hatten nicht mal mehr Zeit, sich von dem toten
Kameraden zu verabschieden. Sie mußten sofort weitergehen, wenn sie nicht genauso enden
wollten wie er. Doch wegen des ganzen Ekels und Schrecken, den sie zuvor mit ansehen
mußten, waren sie sich nicht sicher, ob sie das nicht doch lieber wollten. Kurze Zeit
später, genau um 7.40 Uhr, schlossen sich die Tore hinter den 15, und sie waren
vergessen. Ralf O.


Ein Lehrer dreht durch
Geiselnahme in den kaufmännischen Schulen
Arnsberg. Um 7.40 Uhr machte ein Lehrer seine Drohung war. Er
zwängte 17 Schüler der gymnasialen Oberstufe in den Gebäuden der kaufmännischen
Schulen am Berliner Platz zusammen und zwang sie, an einen Literaturkurs teilzunehmen.
Nach zweistündiger Verhandlung, in der der Lehrer seine absurde Forderung nach freiem
Schreiben bekanntgab, konnten die Geiseln um 9.10 Uhr aus der Schreibwerkstatt befreit
werden. In dem bei der Befreiung entstandenen Durcheinander konnte der Geiselnehmer
untertauchen.
Die Polizei bittet Sie um Ihre Mithilfe. Augenzeugen werden gebeten, sich auf dem
nächsten Polizeirevier zu melden. Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen,
gibt es 1000,- Wörter Belohnung.
Andreas C.


Schreibimpuls: Stadt-Akrostichon
Schreibe die Buchstaben der Stadt an den
linken Rand eines Blattes untereinander. Schreibe neben jeden Buchstaben z.B. möglichst
viele Wörter, die mit diesem Buchstaben anfangen (Alliteration).
V iele
Ortsansässige
S agen
S ie
W ollen
I n Ihrem
N etten
K leinen "Käffchen"
E in
L ebenlang Leben
A llerlei
R aserei,
N ebenbei
S auferei,
B eiderlei:
E ffekthascherei,
R esultat: Polizei,
G rölerei
Oliver B.

Schreibimpuls: Stadtplan-Phantasien
Sucht euch auf dem Stadtplan einen
unbekannten, von der Bezeichnung / dem Namen her interessanten Ort. Stellt euch diesen Ort
vor, und beschreibt rein aus der Vorstellung heraus in einem Text, wie er wohl aussehen
mag, was man dort wohl mit allen Sinnen wahrnehmen kann. Es können auch Personen an
diesem Ort sein und etwas tun. Begebt euch später an diesen Ort, seht ihm euch genau an,
laßt ihn auf euch wirken und schreibt dann einen zweiten Text über ihn.
Kaiserssiepen
"Wo ist denn bloß dieser verdammte Sportplatz ? Ich komme noch zu
spät." So fluchte ich leise vor mir hin, als ich letzte Woche zu einem
Freundschaftsspiel gegen Erlenbruch wollte. Es war Sonntag Morgen, und schon 20 vor 11, um
11 Uhr sollte Anstoß sein. Und ich mußte mich auch noch umziehen und warmlaufen. Dann
sah ich in einer Seitenstraße ein paar Leute. Ich bog in die Seitenstraße ein, sie hieß
Kaiserssiepen, und hielt am Straßenrand an.
Ich traute meinen Augen nicht, die Häuser sahen alle gleich aus. Sie waren
zweistöckig, weiß und mit einem Stück Rasen davor. Neben jedem Haus war eine Garage,
und vor jeder Garage stand ein Opel Corsa. Die Türen der Autos standen offen und es
dröhnte "Sekt oder Selters" von "Fettes Brot" aus den Boxen.
Als ich mir die Leute genauer ansah, überkam mich ein leichter Anflug von Panik. Vor
jedem Haus lag ein Typ auf einer Liege, sie hatten alle lange Haare, trugen eine
Sonnenbrille und hielten eine Flasche Veltins in der Hand.
Nachdem ich meine Angst überwunden hatte stieg ich aus meinem Wagen aus, daß erste
was mir auffiel war, daß es stark nach Bier roch. Außerdem fielen mir jetzt langhaarige,
mit leeren Bierflaschen spielende Kinder auf. Ich dachte ich würde vielleicht träumen,
aber so seltsam kann kein Traum sein, dann dachte ich an ein geheimes Regierungsprojekt
mit Genversuchen, aber auch diesen Gedanken verwarf ich wieder, denn die Regierung würde
diese Typen wohl unter Verschluß halten. Dann dachte ich: "Na ja, die Inzucht soll
ja die seltsamsten Formen menschlichen Lebens hervorbringen." Ich ging näher an
einen von ihnen heran, als ich mich ihm ungefähr auf 10 Meter genähert hatte, viel mir
auf, daß er mit den Fingern der linken Hand im Rhythmus der Musik schnipste. Ich blieb
stehen und sah mich nach den anderen um, auch sie schnipsten mit den Fingern. Ein zweites
mal drohte ich in Panik zu geraten. Dann überwand ich mich aber endgültig, ich ging die
letzten schritte auf ihn zu, blieb neben ihm stehen, und fragte ihn ob er wüßte wo der
Möhnesportplatz ist. Plötzlich hörte das Schnipsen auf, es wurde vollkommen still, er
nahm seine Sonnenbrille ab. Ich sah mich nach den anderen um, auch sie hatten mit dem
Schnipsen aufgehört und auch sie hatten ihre Sonnenbrillen abgenommen.
Dann, ganz plötzlich und unerwartet, riefen sie alle mit exakt gleicher Stimme und
genau im gleichen Augenblick: " Ahhh, geh weg. Laß uns in Ruhe!".
Dann war wieder alles ruhig. Mit meiner Fassung war es nun aber endgültig vorbei, ich
lief zurück zum Wagen, stieg ein und fuhr los. Ich fuhr die Straße immer weiter und am
Ende der Straße lag er, der Möhnesportplatz.
André L.

Schreibimpuls: erinnerte Bilder
Mein liebster Platz; Zum ersten
Mal; ...
"Piano"
Schon wieder zu spät. Dabei hab ich mich schon so beeilt. Hoffentlich nimmt er es mir
nicht übel. Abgehetzt öffnete ich die Tür meiner Stammkneipe. Sofort schlug mir die
warme, stickige Luft ins Gesicht und ich öffnete meine Jacke, damit mir nicht der
Schweiß ausbrach. Wie zu erwarten, saß mein Kumpel, Jens Diggensäck, der schon seit der
Grundschule mein bester Freund ist, an unserem Stammtisch und wartete. Während er an
seinem halbvollen Bier nuckelte, schien er irgend etwas zu beobachten und hatte dabei
sichtliche Mühe, den durch Zigarettenqualm aufgespannten Schleier mit seinem Blick zu
durchschneiden.
Als ich seinem Blick folgte, mußte ich unwillkürlich grinsen. Der Grund war 1,80 m
groß, um die 20, schlank und hatte lange, blonde Haare. Sie trug eine eng anliegende,
schwarze Stoffhose, so daß man ihre wohlgeformten Beine und ihren Knackpo gut erkennen
konnte und eine weiße Bluse, die sie unten zusammengeknotet hatte, so daß man ihren
anscheinend gut durchtrainierten Bauch betrachten konnte. Sie war so hübsch, daß man
direkt Angst um sie haben mußte. Denn bei den vielen Männern hier, kam sie einem vor,
wie der Tropfen Blut in einem Piranhabecken. Doch wie man sehen konnte war mein Kumpel der
hungrigste Fisch in diesem Becken. Sie sah aber auch lecker aus, meine Herren.
" Na! Langweilig war`s dir jedenfalls nicht!", sagte ich und setzte mich zu
ihm.
" Sie muß neu sein, ich habe sie hier noch nie gesehen".
Sie befand sich gerade am anderen Ende des Raumes, an dem kleinen Tisch, dort wo es zu
den Toiletten geht, neben dem Klavier und kassierte bei einem Mann, der sichtlich
begeistert von ihr war.
" Kriegt bestimmt ein saftiges Trinkgeld."
"Kein Wunder. Bei dem Alabama-Blick! Wenn der anschlägt, könnte sie das Geld,
ohne daß er es merkt, aus dem Klingelbeutel nehmen."
" Ich glaube kaum, daß sie solch niederen Instinkten folgen würde."
" Was weißt du denn über ihre animalischen Instinkte ?"
" Ich hoffe, bald ein Lied davon singen zu können."
" Exzellent !"
"Uhu, sie kommt her !"
Schritt für Schritt immer näher. Wobei sie stets darauf bedacht war, darauf zu
achten, ob alle genug zu trinken hatten. Zum Glück war das der Fall, so daß sie nicht
weiter aufgehalten wurde und kurze Zeit später mit einem freundlichen Lächeln und einem:
"Hey, möchtest du was haben ?", an unserem Tisch ankam.
Sie hatte volle, rotgeschminkte Lippen und einen leichten Lidschatten, der ihre
durchdringenden grünen Augen etwas Exotisches und zugleich Geheimnisvolles gab. Trotz
ihrer wirklich anregenden Aufmachung wirkte sie doch eher klug und lebenslustig als wie
ein Flittchen, wie es einigen durch meine Beschreibung jetzt vorkommen mag.
"Ja, was kühles Blondes bitte!", forderte ich sie mit einem leichten Grinsen
heraus.
" Ich hab leider erst um 02.00 Uhr Schluß, aber was möchtest Du bis dahin
trinken ?", entgegnete sie mit einem frechen Grinsen.
Mir klappte die Kinnlade runter. Ich suchte, fand aber leider keine Munition um
zurückzuschießen und mußte es bei einem " Gut gekontert!", belassen.
Jetzt wandte sie sich Jens zu:" Und was ist mit Dir ?"
" Meine Bestellung kommt, wenn Du wieder hier bist."
" Gut." Und sie ging in Richtung Theke.
" Jetzt frage ich sie, wie sie heißt und bestelle mir einen Orgasmus."
" Jo, jo, jo, schalt mal nen Gang runter, Bruder. Sie ist neu hier, das weißt du
und da der Orgasmus nicht auf der Karte steht, kennt sie ihn möglicherweise nicht."
" Ich tu`s trotzdem."
" Oh nein, das wagst du nicht. Nicht bei sona Megabraut."
" Wetten ?"
" Um was ?"
" Ne Packung Kondome."
" Abgemacht!", grinste ich und schaute mich jetzt erstmals um, ob ich sonst
noch jemanden kannte. Dem war allerdings nicht so. Während ich nun auf mein Bier wartete,
was in diesem Laden öfter mal etwas länger dauerte, unterbrach Jens das Schweigen.
" Und wann wollen wir morgen los ?"
" Weiß nicht, wann kommt denn deine Mutter wieder ?"
" Gegen 4. Aber vielleicht möchte sie noch einkaufen."
" Also sagen wir 5.30 Uhr."
" Dann schaffen wir das mit dem einkaufen aber nicht mehr."
" Hast recht, bis Oberhausen brauchen wir bestimmt 1 ½ Stunden."
" Naja, Shopping war sowieso nur ein Vorwand."
" Schau, da kommt mein Pils !"
Bei diesen Worten erreichte sie den Tisch, legte ein Bierdeckel auf meinen Platz und
stellte das Glas mit dem kühlen, lecker aussehenden Gerstensaft darauf. Danach machte sie
mit einem Bleistift das übliche Das - Pils - kostet - 4,20 DM - Kreuz auf den Bierdeckel
und begleitete ihre Aktion mit den Worten: " Tschuldige, hat ein bißchen länger
gedauert."
" Macht nix, solange es nicht schal schmeckt."
" Nein, das tut es nicht. Ich habe persönlich darauf aufgepaßt."
Jetzt an Jens gewandt:" So, du wolltest auch noch was bestellen ?"
" Richtig."
" Was möchtest du denn ?"
" Zuerst mal deinen Namen und dann mach mir bitte einen Orgasmus."
Jetzt begannen sich die Ereignisse zu überschlagen. Während mir soeben durch den Mund
eingenommene Bier aus Überraschung sofort wieder durch die Nase zurück ins Glas lief,
wurden die Augen der Kellnerin immer größer und größer. Während ich noch dachte, sie
kriegt jeden Moment 'nen Herzinfarkt, stammelte sie:" Janine, und was war das Andere
?"
" Einen Orgasmus bitte !", antwortete Jens mit einem immer breiter werdenden
Grinsen.
" Für das ist wohl jemand Anderes zuständig. Bei uns gibt es nämlich nur Speis
und Trank!", war das nächst Beste, was ihr dazu einfiel, doch Jens war sich ihrer
offensichtlichen Unsicherheit voll bewußt.
Er wußte, daß er es nicht zu weit treiben durfte, aber er konnte noch nicht
aufhören. Noch nicht.
" Hör mal, wenn du mir keinen Orgasmus machen möchtest, dann hol ich ihn mir vom
Chef."
Jetzt war sie am Boden zerstört. Man sah, wie sie nach Worten rang, sie aber nicht
fand. Da es so schien, als würde Jens ihre peinliche Lage noch weiter genießen wollen,
ich aber Mitleid mit ihr hatte, beschloß ich die Situation aufzulösen.
" Jetzt reg dich mal nicht auf, Janine, das ist doch nur ein Getränk."
" Kein Scherz ?"
" Nö, aber frag ruhig Peter, der sollte es wohl am besten wissen. Ist ja
schließlich seine Kneipe."
" Ne gute Idee!", platzte es aus ihr heraus und sie eilte zu Peter, der sich
wie immer um die Theke kümmerte.
Wenige Minuten später kam sie lächelnd mit dem besagten Getränk zurück, stellte die
Gläser auf den Tisch und sagte: " Auf den Spaß gebe ich erst einmal einen
aus."
Ralf O.

Schreibimpuls: Klopfwörter
Einer klopf auf den Tisch; ein anderer
notiert das Wort, das ihm im Moment im Sinn ist. Das Papier wird weitergereicht. Fünf in
dieser Weise zufällig zusammengekommene Wörter inspirieren zu einer Geschichte.
Zur Not
Es war in der Arnsberger Disco. Ich saß auf einem Barhocker an der
Theke und war schon gut mit dem Trinken dabei, als sich so ein Rasseweib neben mich
setzte. Immer wenn ich jetzt mein Glas ansetzte, beobachtete ich sie aus den Augenwinkeln.
Doch schien sie es bemerkt zu haben, auf jeden Fall drehte sie sich zu mir um und sagte:
"Entweder du küßt mich jetzt, oder du verpisst dich". Ich wollte gerade
aufstehen, als sie schon ihre Arme um mich schlang und mir einen wirklich atemberaubenden
Kuß gab. Bevor ich mich versah, lagen wir schon bei mir zu Hause auf dem Bett und machten
unzüchtige Sachen. Nun ja, ich hatte mir eigentlich eher einen romantischen Abend
vorgestellt, aus dem eine feste Beziehung hervorgehen könnte, aber so ein One-Night-Stand
mit dem allmorgendlichen Verlassenwerden tat es zur Not auch.
Ralf O.

Schreibimpuls: Leute wahrnehmen
Schwierig, aber reizvoll. Einen fremden
Menschen beobachten: Wie sieht er aus? Was macht er? Und vor allem: Was könnte er denken?
Fühlen? Was geht in ihm vor?
Die Zeit, die alle Wunden heilt
Es ist ein Tag wie jeder andere. Ein Tag, an dem sich wenige,
eigentlich viel zu wenige Menschen auf den schmalen Wegen des Friedhofs bewegen. Auch sie
hat sich an diesem Abend unter sie begeben, um sich mit dieser Atmosphäre, diesem Platz,
den sie bis jetzt immer aus Angst gemieden hat, vertraut zu machen. Sie ist jung. Sie ist
hübsch. Sie hört den Wind in den Bäumen rauschen. Langsam, Schritt für Schritt geht
sie den gepflasterten Weg entlang. Dreht ihren Kopf gelegentlich nach links, gelegentlich
nach rechts, um die an den Wegesrand angrenzenden Gräber zu betrachten. Sieht Menschen,
die mit versteinerten Gesichtern davoneilen oder aber Gräber bearbeiten. Sie versteht
offenbar nicht - ihre Stirn in Falten gelegt - daß sie keine Gefühlsregung auf den
geschäftigen Gesichtern erkennen kann. Die schnellen, hektischen Handgriffe verraten.
Geben Teilnahmslosigkeit preis. Sie scheinen die Menschen, ihre geliebten Menschen,
vergessen zu haben. Kann man denn wirklich sagen, daß Zeit alle Wunden heilt? Sie, die
junge, hübsche Frau, legt ihre beiden Arme um ihren schmalen Körper, um sich selbst zu
trösten. Es scheint fast so, als ob sie kleiner würde, als ob sie das Wahrgenommene
förmlich zusammenfallen lassen würde, da es so bedrückend zu sehen ist, wie alles
vergeht. Daß Menschen kommen, daß Menschen gehen. Sie bewegt sich weiter fort, bis sie
am Rande einen jungen Mann stehen sieht, völlig alleine, schluchzend und hilflos. Dieser
Mann fühlt. Seine Hände hängen schlaff an seinem Körper herunter und seine Augen, die
sich mit Tränen füllen, blicken abwesend in die Ferne. Sie würde ihm gerne helfen, ihn
in den Arm nehmen und trösten. Statt dessen versucht sie auf unbeholfene Art und Weise
einige Meter von ihm entfernt unbemerkt stehen zu bleiben. Fährt sich mit einer Hand
über das blonde, fast kahlrasierte Haar. Wechselt nervös von einem Bein aufs andere und
wartet ungeduldig, bis er sich lautlos verabschiedet hat. Als sie endlich vor dem noch
frischem Grab steht, kann sie die eingravierten Ziffern hinter dem großen Rosenstrauch
erkennen. Ein Frauenname. War sie seine Freundin, seine Frau, die im Alter von 25 Jahren
sterben mußte? Sie weiß es nicht. Doch sie weiß genau, daß auch sie erst 25 Jahre alt
ist. 25 und schon am Ende. Krebs. Warum? Warum bloß? Plötzlich fährt ihr ein Lächeln
über das eingefallene, bleiche Gesicht. Rosen! Ihre Lieblingsblumen. Sie hat den großen,
wunderschönen Strauß zuerst gar nicht wahrgenommen. War so geschockt, daß sie fast
alles um sich herum vergessen hat. Hat sich schon selbst unter der dichten, schwarzen
Lehmschicht in einem Sarg liegen sehen. Sie bückt sich. Ja, sie riechen, duften
wunderbar, und zum ersten Mal in ihrem Leben fällt ihr auf, daß es hier, unter den
ganzen Toten, gar nicht nach Tod riecht. Nein, es riecht nach Leben. Nach Leben, das ihr
mit jedem Atemzug bewußter wird. Sie setzt ihren Weg in Gedanken verloren fort. Das
Lachen eines kleinen Jungen holt sie jedoch schnell wieder aus ihrer Gedankenwelt zurück.
Ihr fällt eine große, wuchtige Linde ins Auge.
Unter ihr eine Holzbank und auf ihr sitzend ein alter magerer Mann mit dem kleinen
Jungen im Arm. Zwei Generationen, die jedoch beide, nur zu unterschiedlichen Zeiten, mit
diesem Platz Bekanntschaft machen werden. Ob wohl auch sie jemanden besuchen? Sie kann es
nicht erkennen. Was ihr allerdings sofort auffällt, ist ihre Fröhlichkeit. Ihre
Gesichter, die sich gegenseitig vor Glück anstrahlen. Ist der Tod denn doch nicht so
schmerzhaft, wie die meisten Menschen denken?
Regina H.


Schreibimpuls: Bild
Bilder und Fotos begegnen uns überall. An
jeder Straßenecke, in Schaufenstern, auf Handzetteln. 'Begebt' euch in das Foto, in das
Bild, schaut euch um, beginnt zu erzählen. Oder vielleicht findet ihr dort jemanden, mit
dem ihr ein Gespräch beginnt.
"Somewhere over the rainbow"
"Räum dein Zimmer auf! Ich sag dir das zum letzten Mal."
"Ja, Ja. Ist ja schon gut. Ich werde es irgendwann schon aufräumen.", sagte
Paul und wandte sich wieder seinem Computerspiel zu.
"Nicht irgendwann, sondern sofort!", die Stimme seiner Mutter wurde jetzt
schrill.
"Du spinnst wohl, ich laß mir doch nicht alles vorschreiben." Paul konnte
sich kaum mehr beherrschen.
"Wart ab, bis dein Vater kommt!"
Die Mutter verließ den Raum und knallte die Tür hinter sich zu. Paul haute mit seiner
geballten Faust auf den Schreibtisch und schrie seiner Mutter hinterher: "Ach laß
mich doch in Ruhe. Immer hast du was zu meckern."
Abhauen! Weg! Nur weg von hier! Es hat doch keinen Sinn mehr. Er hatte alles versucht.
Wirklich, er hatte es wirklich versucht. Doch gegen diese Tyrannei sah er keine Chance.
Sogar seine Freunde lachten ihn schon aus. Abhauen! Werden schon sehen, was sie davon
haben. Paul fluchte und riß sein Portemonnaie aus der Schreibtischschublade. "Elf,
zwölf, dreizehn, dreizehn fünfundachtzig!" Nicht gerade viel, aber das mußte
reichen. Er zog sich erst die Jacke und Schuhe, dann Schal, Mütze und Handschuhe an.
Danach öffnete er das Fenster, um herauszuklettern. Eine leichte Übung für ihn. Seine
Camel-Boots dämpften den Sprung auf den gefrorenen Rasen. Vorn an der Ecke zur Straße
blickte er zum Eingang. Zu. Gut! Die Rolladen vom Küchenfenster waren bereits
heruntergelassen. Paul überquerte schnell die Straße und ging Richtung "Bahnhof
Sundern".
Es fing an zu schneien, doch dies machte Paul gar nichts aus, denn er freute sich auf
ein neues Leben voller Abenteuer ohne die tyrannischen Eltern. Als er am Bahnhof
angekommen war, stellte er sich auf den Bahnsteig und wartete auf den nächsten Zug. Etwa
eine halbe Stunde später fing Paul an, mit seinen Füßen zu wippen und pfiff die Melodie
"Somewhere over the rainbow". "Eine Zigarette wäre jetzt nicht
schlecht!", dachte er sich und fing an zu grübeln. Dreizehn Mark und fünfundachtzig
Pfennige! Wenn er sich jetzt Zigaretten kauft, reicht das Geld nicht mehr, um hier
wegzukommen. "Scheiße!"
"Na na!" unterbrach ihn eine tiefe Stimme. "Und was hast du überhaupt
hier zu suchen?"
"Ich? Ich warte auf den Zug. Was sonst?", erwiderte Paul forsch.
"Daraus wird wohl nichts. Dies ist ein Bahnhof für den Güterverkehr. Hier gibt
es keinen Personenverkehr mehr."
Paul wurde schwarz vor Augen. Flimmern! Einen Moment herrschte eine schreckliche Leere
in seinem Kopf. Dann nahm er seinen Mut wieder zusammen und fragte den alten
Bahnhofswärter nach einer Zigarette. Dieser gab ihm eine und sagte zu ihm, daß er den
Bahnsteig verlassen solle. Paul zündete die Zigarette an und schlich mit gesenkten Kopf
nach Hause.
"Das gibt es doch nicht, das kann es doch nicht gewesen sein!", murmelte Paul
enttäuscht vor sich hin. Das Schicksal war eindeutig gegen ihn gestimmt. Als er zu Hause
ankam, kletterte er wieder durchs Fenster hinein. Dabei fiel ihm eine Topfpflanze von der
Fensterbank. "Verdammte Scheiße!" Paul trat mit dem Fuß vor die Heizung. Er
zog seine Jacke, Mütze, Schal und Handschuhe aus und machte sich daran, die Scherben
wegzuräumen. Hinter ihm hörte er die Tür aufgehen.
"Unglaublich, du hast ja immer noch nicht aufgeräumt."
René K.

Schreibimpuls: Zeitungsmeldungen
Die tollsten Geschichten schreibt das Leben
selbst. Schneidet euch aus der Lokalpresse interessante Artikel aus. Versetzt euch in eine
der handelnden Personen und erweitert die Nachricht zu einer Geschichte. Wie denken,
fühlen und handeln die Personen?
14-jähriger auf Spritztour
"Shit! Schon wieder son Idiot, der zu tief in die Flasche geschaut hat und
unbedingt noch selber nach Hause fahren muß. Daß die einfach nicht kapieren, was sie
damit alles anrichten können. Aber na warte Bürschchen, dich schnapp ich mir."
Peter Hauser startet seinen Streifenwagen. Eigentlich ist so ein Einsatz ja nur ein
Routinefall für ihn. Jedoch allein die Tatsache, daß es so viele besoffene Autofahrer
gibt, daß es schon zu einem Routinefall geworden ist, bringt Peter zur Weißglut.
" Das gibt eine saftige Strafe. Ich schwöre dir, das Saufen wird dir noch
vergehen !", knurrt er vor sich hin.
Während dessen ist in dem schwarzen Mazda 626, der in Schlangenlinien vor Peters
Streifenwagen herfährt, die Panik groß.
" Scheiße, ich hätte es wissen müssen, du kannst gar nicht fahren, und jetzt?
Was wenn die Bullen uns erwischen? Meine Eltern. Scheiße! Die haben mir verboten,
irgendwo als Anhalterin mitzufahren!", kreischt Indra hysterisch und bringt Jens
damit schier um den Verstand. Sie hatte so gut ausgesehen, wie sie da am Wegesrand stand
und ihren Daumen raushielt. Lange blonde Haare, ein kurzes schwarzes Kleid, schwarze
hochhackige Schuhe, ein kleines goldenes Herz an einer goldenen Kette um ihren weißen
Hals und die zu dem Outfit passende Handtasche. Für Jens war es Liebe auf den ersten
Blick, auch wenn sie zu alt für ihn schien. Er hatte einfach anhalten müssen. Als sie
mit einem etwas ungläubigen Lächeln, wahrscheinlich seines jugendlichen Aussehen wegen,
einstieg, fielen ihm auch die Ohrringe auf, die er zuvor wegen der Haare nicht sehen
konnte. Sie stellten indianische Federn dar und waren silbern. Doch als er sie gerade
fragen wollte, warum sie Silber zu Gold trug, schaute er ihr in die Augen und vergaß
alles um sich herum. Sie waren blau und grün und schienen ihn zu durchdringen. Für ihn
waren es die schönsten Augen, die er je gesehen hatte. Sie waren ungewöhnlich groß und
klar und schienen irgendwie auf eine seltsame Art und Weise zu leuchten. Jetzt drang auch
ihre Stimme in seinen verwirrten Kopf. Es war eine hohe Stimme, aber sehr wohlklingend
und, ja richtig, sie sprach zu ihm. Arnsberg, sie wollte nach Arnsberg. Eigentlich wollte
Jens ja nach Hause, aber für sie würde er überall hinfahren. Mmm, dieses Parfüm.
"Tja du hast Glück. Ich fahre nach Arnsberg!", hörte er sich sagen.
Doch so hysterisch, wie sie im Augenblick ist, gefällt sie ihm gar nicht, und
plötzlich tut es ihm leid, daß er sie mitgenommen hat. Es tut ihm leid, daß er nicht
auf die Verbote seiner Eltern gehört hatte, sich einfach die Schlüssel aus dem
Küchenschrank genommen und das Auto aus der Garage entführt hatte. Er würde so etwas
auch nie wieder tun, wenn er jetzt nur wieder Zuhause sein könnte. Doch er war schon auf
die L685 über den Ochsenkopf in Richtung Arnsberg abgebogen und umzudrehen ist jetzt
unmöglich. Aber den Anweisungen des verfluchten Bullen, (denn Jens verfluchte ihn für
seine Anwesenheit), daß er anhalten solle, würde er auch nicht folgen. Auf gar keinen
Fall. Dafür hat er viel zu viel Angst vor der Strafe seiner Eltern. Also bleibt ihm
nichts anderes übrig als zu beschleunigen und zu hoffen, diesen Bullen so irgendwie
abzuhängen.
" Verfluchter Scheißkerl!", zischt Streik. "Anstatt endlich anzuhalten,
beschleunigt der Penner noch. Selbst der besoffenste Idiot sollte merken, wann es besser
wäre anzuhalten. Der führt sich auf wie ein kleines Kind."
Die Wagen überschreiten den Scheitelpunkt des Ochsenkopf und beginnen den Abstieg dem
Tal entgegen. Die Reifen quietschten in jeder Kurve. Doch Verzweiflung und Angst treiben
Jens an. Ein leichter Schweißfilm fängt an, sich auf seiner Stirn zu bilden und immer
dichter zu werden. Er spürt, wie sich das Adrenalin in ihm ausbreitet. Dieses legt sich
dann mit einem seltsamen Geschmack auf seiner Zunge nieder. Seine blonden schulterlangen
Haare fangen an zu verkleben. Sein braunes T-Shirt fühlt sich unter den Achseln klamm an.
Seine blauen Augen starren auf den Mittelstreifen vor sich. Er atmet schnell und
stoßweise und versteht kein Wort von dem, was Indra immerzu brüllt. Doch plötzlich
weiß er es. Ein dunkelblauer Passat, der ihnen aus der Gegenrichtung entgegenkommt. Da
der Fahrer das Fernlicht nicht ausschaltet, hat er wohl einen ebenso großen Schock wie
Jens in diesem Augenblick. Beide sind unfähig zu reagieren und da Jens zu weit links
fährt, scheint ein Frontalzusammenstoß unvermeidlich. Doch plötzlich macht der Mazda
einen scharfen Schwenk nach rechts. Ein Glück nur, daß in diesem Moment eine Rechtskurve
kommt, sonst würde der Wagen unweigerlich in den Graben rauschen. Es ist so knapp, daß
der Außenspiegel des Passats an dem Kofferraum des Mazda abgebrochen ist. Indra hatte
Jens ins Lenkrad gegriffen und somit den Zusammenstoß verhindert.
Peter Streik, der den Beinahezusammenstoß mitbekommen hat, versteht, daß er den Wagen
auf gar keinen Fall in die Stadt kommen lassen darf und greift zum Funkgerät. "
Achtung Zentrale, hier Wagen X4, Peter Streik, verfolge gerade einen schwarzen Mazda 626
über den Ochsenkopf in Richtung Arnsberg. Brauche Verstärkung, erbitte eine
Straßensperre auf der Sunderner Straße in Arnsberg." Befriedigt hört Peter die
Bestätigung der Zentrale. Das wäre geregelt. Na warte Bürschchen.
Einen Augenblick später schießen die Wagen durch die letzte Ochsenkopfkurve. Jens
beschleunigt noch stärker und guckt in den Rückspiegel, um zu sehen, was der Bulle
hinter ihm nun macht.
Als Jens wieder nach vorne schaut, weiten sich seine Augen vor Schreck. Da steht wie
aus dem Nichts ein Streifenwagen. Alle drei, Jens, Indra und der Fahrer des zweiten
Polizeiwagens, der aus seinem Wagen gestiegen war, um nicht zerquetscht zu werden, falls
der Besoffene auf die Idee kommen sollte, ihm direkt in die Karre zu rauschen, sind für
einen Augenblick wie gelähmt. Doch dann, nahezu gleichzeitig, tritt Jens voll auf die
Bremse, während Indra ihm erneut ins Lenkrad greift, um auch diesen Zusammenstoß zu
verhindern, und der Polizist springt mit einem Satz in den Graben, um sein Leben zu
retten.
Wieder gelingt es, den Zusammenstoß zu verhindern, aber diesmal gibt es keine rettende
Kurve danach. Der Wagen mäht zwei Verkehrsschilder um, durchbricht eine Hecke, streift
einen Baum und landet 3m tiefer am Bachufer.
"Benzingeruch!", denkt Jens und schlägt die Augen auf. Sofort schaut er nach
rechts. Indras lebloser Körper ist immer noch auf dem Beifahrersitz. Aber ihr Bauch hebt
und senkt sich schwach. Sie lebt also noch, ist sein letzter Gedanke, bevor er in die
nächste Ohnmacht sinkt. Als er das nächstemal die Augen aufschlägt, sieht er noch etwas
verschwommen die Neonröhre an der Decke der Notaufnahme. "Indra ?", stammelte
er. Ein Gefühl der Hilflosigkeit und Sorge um ihr Leben steigt in ihm auf. "Sie wird
schon wieder, keine Angst", hört er die Stimme seiner Mutter sagen. "Doch sie
hat weniger Glück gehabt als du !", fügt sein Vater hinzu, der genauso wie seine
Mutter die ganze Zeit über an seinem Bett gewacht hat.
Ralf O.
