Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst (P.-M. Straetz)

Kaufmännische Schulen des Hochsauerlandkreises
Peter-Michael Strätz (pstraetz@gmx.de)
Berliner Platz 8-9
59759 Arnsberg
Zeitungsmeldungen als Schreibimpuls
Die aufregendsten Geschichten schreibt das
Leben selbst. In der Zeitung findet man sie als Nachrichten wieder: kurz angerissene
Fakten.
Doch was steckt dahinter? Wie handeln die Personen? Wie sehen sie
aus? Mit wem sprechen sie? Und vor allem: Was denken sie? Was fühlen sie?
Im Unterricht könnte man eine Zeitungsmeldung (siehe eine Zusammenstellung von Meldungen unten)
und eine Geschichte (siehe Schülertexte zu diesen Meldungen unten) gegenüberstellen und dabei die 'Leistung' von expositorischen und
fiktionalen Texten würdigen. Dann können die Schüler sich eine Meldung aussuchen und zu
einer Geschichte erweitern.
Die aufregendsten Geschichten
schreibt das Leben selbst
Spraydose als Flammenwerfer
Dortmund. (dpa) Verbrennungen zweiten und dritten Grades am
Kopf hat ein Fünfjähriger durch eine als Flammenwerfer benutzte Spraydose erlitten. Das
Opfer hatte auf einem Spielplatz herumgetollt, als ein 13jähriger mit einer Spraydose mit
Wildleder-Pflegemittel hinzukam. Er drückte auf den Sprayknopf und hielt ein brennendes
Feuerzeug in das ausströmende Pflegemittel. Westfälische Rundschau vom 28.6.1995 |
Aus Liebe zum Hund ertrunken
Prag. (dpa) Ein 17jähriges Mädchen hat in der
nordmährischen Stadt Cesky Tesin die Liebe zu ihrem Hund mit dem Leben bezahlt. Die
Schülerin wollte das in den Fluß Olsa gefallene Tier retten. Dabei rutschte sie an der
Uferböschung ab und ertrank. Westfälische Rundschau vom 25.4.1996 |
Bei Mutprobe vom Zug überrollt
Der 17jährige Klaus-Peter Z. ist am Donnerstag abend im S-Bahnhof
Ahrensburg (Kreis Stormarn) von einem D-Zug überfahren und getötet worden. Nach Angaben
der Kriminalpolizei sollen sich gegen 20.20 Uhr sechs arbeitslose Jugendliche im Alter von
15 bis 21 Jahren auf dem Bahnsteig aufgehalten und eine Mutprobe gemacht haben. Den
Lautsprecherhinweis auf die Einfahrt des Zuges aus Kopenhagen hat der 17jährige
ofensichtlich nicht gehört. Eine 15jährige aus der Gruppe versuchte, ihn von den Gleisen
zu ziehen. Doch er wurde vom Zug erfaßt und auf den Bahnsteig geschleudert. Dabei wurde
die 15jährige am Ar verletzt und mußte mit Prellungen und Schock ins Krankenhaus
gebracht werden. |
Tödliche Teenager-Romanze
Little Rock. (AP) Mit dem Selbstmord von zwei 15jährigen ist
eine Ausreißer-Romanze zwischen drei Teenagern im US-Staat Arkansas zu Ende gegangen. Auf
der Flucht erschossen sich die beiden in dasselbe Mädchen verliebten Jungen, die sich
gemeinsam mit ihrer Freundin (12) in einem gestohlenem Auto im US-Süden herumgetrieben
hatten. Am Wochenende veröffentlichten die Behörden in Little Rock das Tagebuch
des Trios. Die drei Jugendlichen waren danach Anfang April in Robbinsville in North
Carolina ausgerissen. Unterwegs hatten sie mehrfach an Tankstellen haltgemacht und Benzin
und Reiseverpflegung gestohlen. Schließlich fiel ihr Auto einem LKW-Fahrer auf, der die
Polizei alarmierte. Nach einer Verfolgungsjagd wurde das Trio gestellt. "Wir haben
alle drei vereinbart, gemeinsam zu sterben, falls wir festgenommen werden sollten",
notierte einer der Jungs. Westfälische
Rundschau vom 13. Mai 1996 |
Räuber geriet an die Falsche
Stockstadt. Auf dem Zettel stand "Geld her - das ist ein
Überfall!" Doch die 25jährige Kassiererin einer Bank in Stockstadt (Hessen) blieb
ganz ruhig, reagierte nicht. Selbst die Pistole, die der Mann auf sie richtete, machte
keinen Eindruck. Mit einem "Vergessen Sie es", gab der Räuber schließlich auf,
stellte sich später völlig entnervt selbst der Polizei. |
Elternhaus mit Bagger verwüstet
Emmen. (dpa) Mit einem Schaufelbagger hat ein Niederländer
das Grundstück seiner Eltern verwüstet, um sich für einen Rausschmiß zu rächen. Wie
die Polizei in Emmen gestern berichtete, war der angetrunkene 18jährige Sonntag früh
während einer Party von seiner Familie vor die Tür gesetzt worden. Doch er kehrte
zurück - mit Bagger. Mit dem Gefährt demolierte er zwei Autos von Familienangehörigen.
Anschließend fuhr er gegen das elterliche Haus. Westfälische Rundschau vom 25.6.1996 |
Realschüler schoß auf Passanten
Hannover. (AP) Ein 16jähriger Realschüler hat gestanden, in
Hannover vom Dachboden seiner Wohnung mit dem Luftgewehr auf Passanten geschossen zu
haben. Wie eine Polizeisprecherin gestern mitteilte, verletzte er dabei sechs Menschen
leicht. Der Jugendliche habe zugegeben, am letzten Montag und Dienstag auf wartende
Fahrgäste an der Straßenbahnhaltestelle vor seiner Wohnung gefeuert zu haben. Der Junge
habe kein Motiv nennen können. Westfälische Rundschau vom 20.12.1996 |
Ehefrau vergessen
Innsbruck. (dpa) Routine macht vergeßlich - auch in der Ehe.
Das merkte jetzt ein britisches Urlauberehepaar, das über den Brenner nach Österreich
angereist war. Als die Frau auf die Toilette ging, fuhr der Mann ohne sie weiter. Erst
nach 150 Kilometer fiel ihm ein: Da war doch noch was ... |
Schülertexte
Schulform: Höhere Berufsfachschule bzw. Höhere Berufsfachschule mit gymnasialer
Oberstufe
Alter der Schülerinnen und Schüler: 17 bis 19 Jahre
Literarische Vorerfahrungen: keine
Christine
Das blaue Auto fuhr auf einer einsamen Landstraße Richtung Pine Bluff. Es regnete an
jenem kühlen Mittwochmorgen im Mai. Der Regen prasselte unaufhörlich auf die
Windschutzscheibe und es sah aus, als kämpfe das blaue Auto mit dem Regen, um
langsam aber bestimmt sein Ziel zu erreichen.
Auf dem Rücksitz des kleinen blauen Autos schlief ein Mädchen. Christine. Sie war
zwölf. Als das Auto vor zwei Stunden an einer Tankstelle mit laufendem Motor
stehengeblieben und einige Minuten später durch den Regen davongejagt war, hatte
Christine ebenfalls geschlafen. Sie hatte nichts vom Überfall mitbekommen, nichts von den
Schüssen auf die Überwachungskameras gehört.
James, der das kleine blaue Auto lenkte, hatte dagegen sehr wohl etwas vom Überfall
mitbekommen. Er hatte auf die Kameras geschossen. Die Pistole hatte er seinem Vater aus
der Schreibtischschublade ganz links unten gestohlen. Und zwar in der Nacht, in der sie
abgehauen waren.
Rick, der neben James saß, war auch am Überfall beteiligt gewesen. Er hatte das Geld aus
der Kasse genommen und einige Lebensmittel zusammengepackt. Jetzt starrte er durch den
Regen auf die Baumwollfelder. Auf seinen Knien lag das schwarze Tagebuch, das er seit der
Nacht, in der sie abgehauen waren, führte. Wir werden uns umbringen, wenn sie
versuchen, uns zu schnappen,! Diesen Eintrag hatte Rick kurz vorm Überfall
geschrieben, noch bevor sie Christine das Schlafmittel gegeben hatten. Sie waren sich
einig gewesen. Zu sterben sei besser, als getrennt voneinander weiterzuleben. Doch jetzt
zweifelte Rick an der Richtigkeit ihres Plans. Er drehte sich zu Christine um. Sie schlief
noch. Dann sah er James an. Kannst du sie töten?, frage er ihn. James
schüttelte nur den Kopf. Aber was sollen wir denn machen? Einer von uns muß sie
töten. Wir haben es ihr versprochen! Fast weinte Rick, so schrecklich erschien ihm
der Gedanke, einen Menschen, der ihm so viel bedeutete, töten zu müssen.
James, der seit dem letzten Überfall noch kein Wort gesagt hatte, lenkte den Wagen an den
Straßenrand. Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und stieg aus. Er dachte
nach. Während er an der Fahrerseite auf und abging und der Regen ihn durchnäßte,
rauchte er zornig. Er wußte, daß er nicht imstande war, einen Menschen zu töten, den er
liebte. Doch andererseits hatten Rick und er Christine versprochen, sie überallhin
mitzunehmen. Sie hatten ihr versprochen, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Sie wollten
sich nicht trennen lassen. In der Nacht bevor Ricks Eltern ihn in das Internat schicken
wollten, hatten sie endgültig entschieden, daß sie abhauen wollten. Christines Eltern
hatten zuvor mitbekommen, daß ihre Tochter sich mit Jungen traf, die älter waren und
hatten Christine strikten Hausarrest erteilt. Sie hatten natürlich auch Ricks und seine
Eltern eingeschaltet. Ricks Eltern waren furchtbar böse geworden. Sie hatten ihn
verprügelt. Rick war in jener Nacht nicht mehr bereit gewesen, nach Hause zurückzugehen.
James, den der Regen mittlerweile ganz durchnäßt hatte, wußte nicht, was er tun sollte.
Er war wütend. Ärgerte sich über sich selbst, darüber, daß er sein Wort brechen
mußte und daß er nicht über seinen Schatten springen konnte. Er trat auf seine Kippe,
als wolle er sie für seine Unsicherheit bestrafen.
Als er wieder ins Auto stieg, sagte er, nachdem er sich vergewissert hatte, daß Christine
noch schlief : Wir werden sie leben lassen. Ich will nicht, das sie stirbt, nur weil
uns nichts Besseres einfällt, um unsere Liebe zu retten. Es ist nicht grade fair, aber
sie hat doch eigentlich nette Eltern, ein Haus, Freunde, sie wird uns vergessen! Er
sah Rick an. Okay? Rick nickte. James schüttelte den Regen so heftig aus
seinem Haar, daß es schien, als wolle er seine Gedanken aus dem Kopf schleudern. Er hielt
die Kabel aneinander und fuhr los. Er schaltete das Radio ein. Mark Cohen sang sein
Walking in Memphis, während der Regen immer stärker auf das Dach des kleinen
blauen Autos trommelte.
Auch im Police Department Little Rock war das Radio eingeschaltet. Der Regen prasselte
gegen die Fensterscheiben. Detective Lovell und Detective Stamp saßen an ihren
Schreibtischen und schwiegen, als das Telefon die morgendliche Ruhe des Departments
unterbrach. Detective Lovell!, meldete sich Lovell. Stamp konnte nicht hören,
wer der Anrufer war, zuckte aber zusammen, als Lovell unvermittelt nacheinander
Was?, Wo? und Wann in den Hörer brüllte und dann
hastig etwas auf einen Zettel schrieb. Danke, Mister, sie haben uns sehr geholfen.
Geben sie mir ihre Adresse, wir melden uns dann bei ihnen. Lovell knallte den Hörer
auf die Gabel. Stamp wir haben sie. Stamp sah ihn verständnislos an.
Die Ausreißer aus Robbinsville. Die Jungen und das Mädchen mit dem blauen Auto.
Ein Trucker hat sie gesehen. Auf der Landstraße Richtung Pine Bluff. Los ruf da an, die
sollen ihnen entgegenfahren. Aber mit Zivilstreifen, sag ihnen das ausdrücklich! Beeil
dich, los, sonst sind sie in Pine Bluff, bevor wir dort sind! Okay, alles
klar, in Ordnung. Kann ich sonst noch irgend etwas für meinen Meister tun?, fragte
Stamp gelassen. Hey, verarschen kann ich mich alleine. Entweder du beeilst dich oder
ich fahr ohne dich. Lovell nahm seine Jacke vom Haken, zog sie an und sah
erwartungsvoll zu Stamp. Der zuckte ergeben mit den Schultern und wählte die Nummer des
Departments in Pine Bluff an. Ich geh schon mal zum Wagen, okay? Stamp nickte.
Als sie fünf Minuten später im Wagen saßen und in Richtung Pine Bluff rasten, spielte
das Radio Jeremy von Pearl Jam. Lovell lachte auf: Wie passend!
Dann drehte er das Radio ab. Ich hasse diesen Song!
Auch James drehte am Radio. Hey, nicht so laut, James!, beschwerte sich
Christine, noch im Halbschlaf. James drehte die Lautstärke zurück. Es regnete nicht mehr
so stark, er schaltete die Scheibenwischer ab. Keiner der beiden Jungen, hatte vorhin, als
sie am Straßenrand gestanden hatten, den Truck bemerkt, der langsam an ihnen
vorbeigefahren war. Sie waren zu sehr in das Problem mit Christine vertieft gewesen.
Jetzt, sie waren schon ziemlich nah bei Pine Bluff, kamen ihnen drei schwarze Autos
entgegen, in denen jeweils zwei Männer saßen, die in das kleine blaue Auto hinein
starrten. James, die sahen aus wie Bullen!, flüsterte Rick. James sah in den
Rückspiegel. Die drei Autos wendeten und kamen ihnen nach. James fuhr schneller, aber die
schwarzen Wagen blieben dicht hinter ihnen. Scheiße, das sind Bullen!, Er
riß das Steuer herum, so daß das Auto quer auf der Straße stand. Fast wären die drei
schwarzen Autos in es hinein gerast, doch James beschleunigte so stark, daß Rick
vornüber auf das Armaturenbrett knallte. James, fahr auf den Parkplatz!,
schrie Rick, um den Lärm des Motors zu übertönen. James sah ihn an. Er wußte so gut
wie Rick, daß sie die schwarzen Polizeiautos nicht abhängen konnten. Das kleine blaue
Auto raste auf den Parkplatz zu. Hier bremste James so scharf, daß Rick beinahe wieder
gegen das Armaturenbrett geknallt wäre. Als das Auto stand, sahen sie sich an. Bist
du sicher?, fragte James. Rick nickte. Er nahm die Pistole seiner Mutter aus dem
Handschuhfach hielt sie sich an die Schläfe. Dann drehte er sich zu Christine um.
Es tut mir leid. Er drückte ab. James zuckte zusammen. Er sah das Blut an den
Scheiben. Rick war vornüber auf das Armaturenbrett gesunken. Das Blut verteilte sich
schnell auf dem schwarzen Kunststoff. James zögerte. Dann strich er noch einmal über
Christines Wange, bevor er die Pistole seines Vaters ansetzte und abdrückte. In diesem
Moment wachte Christine auf. Sie schrie.
Der Schrei, der kurz nach den Schüssen die Stille des Parkplatzes zerschnitt, brachte
Bewegung in die Polizistenmasse. Lovell stürzte mit seiner Waffe zum Auto. Als die
Schüsse fielen, hatte er bereits das Megaphon für die Aufgebungsüberredung in der Hand
gehalten. Er sah nur Blut. Das Mädchen auf dem Rücksitz schrie immer noch. Holt
sie da raus!, brüllte Lovell.
Eine Stunde später, das Mädchen hatte man nach Hause gebracht, begannen Lovell und Stamp
noch auf dem Parkplatz mit dem Lesen des schwarzen Tagebuches. Bald hatten die beiden
Polizisten so viel über das Leben der beiden Jungen und ihrer eigenartigen Zuneigung zu
dem jungen Mädchen erfahren, daß sie die Gründe für die Flucht der drei verstanden.
Sie gingen zum Wagen zurück. Was glaubst du, warum haben sie das Mädchen
nicht wie abgesprochen getötet?, fragte Lovell. Sie haben sie zu sehr
geliebt., antwortete Stamp nachdenklich. Auf der Rückfahrt schwiegen die beiden
Polizisten. Stamp dachte daran, wie er sich selbst, als er 15 war, eine Pistole an
den Kopf gesetzt hatte. Lovell ging das schreiende Mädchen nicht aus dem Kopf. Beide
Polizisten hatten einen seltsamen Respekt vor der Entscheidung der Jungen, obgleich sie
diese nicht ganz verstehen konnten. Sie schwiegen den Rest der Fahrt.
Es hatte aufgehört zu regnen, die Sonne hatte sich durch die Wolken gekämpft und warf
Strahlen auf den Parkplatz. Das Dach des kleinen blauen Autos reflektierte die Strahlen,
warf sie zurück, als wolle es sagen, daß es jetzt zu spät für Sonnenstrahlen sei.
Im Hillside Krankenhaus von Little Rock wählte eine Schwester die Nummer des Police
Departments, um Sergeant Lovell und Sergeant Stamp vom Selbstmord Christines zu
informieren.
Petra S.
Überhört
"Aber zieh dir ...!" Ein lauter Knall der brauen Haustüre. Schnelle, laute
Schritte das Treppenhaus hinunter und dann auf den Bürgersteig. Ja, ja, ich weiß schon,
was sie sagen wollte: Zieh dir zum Fußballspielen die alten Schuhe an. Was solls? Später
sag ich einfach, ich hab's nicht mehr gehört. Jetzt noch die Schuhe wechseln, bin sowieso
schon spät dran.
Hinter der Garage werden Franks Atemzüge immer schneller und lauter, dann fühlt er den
stechenden Schmerz in der linken Seite. Nun werden seine Schritte langsamer, der Ball
findet jetzt unter dem rechten Arm Platz.
"Da bist du ja endlich!" Genau diese Worte hat er erwartet, als er den
Spielplatz erreicht. Lautes Geschrei an der Rutsche, Gerangel am Kletternetz, dazu die
warmen Sonnenstrahlen und das Vögelgezwitscher lassen den Tag wie jeden anderen
erscheinen. Nur Paul paßte nicht in das sonst so freundliche Bild. Niemand sitzt auf der
freien Schaukel neben ihm. Kein Wunder! Spielt er wieder mit dem Feuerzeug? Wie
schon heute morgen in der Schule? Der Direks hätte ihn viel härter bestrafen sollen.
Egal.
Der Ball rollt. Wieder ein hohler Knall: Pfosten. "Diese verdammte kleine Tor!"
Abschlag. Mike trifft den Ball. Wie immer erwischt er ihn mit seiner ganzen Kraft. Diesmal
wird er noch länger und länger. In einem weiten Bogen nähert er sich der Schaukel.
"Achtuuung!" Zu spät. "Ihr spinnt wohl? Wer war das?!" Auch das noch,
Paul hat den Ball abbekommen. Nun zählt nur eines; er darf den 'Täter' nicht erwischen.
Mit großen schnellen Schritten kommt er der Gruppe näher. "Okay! Ihr habt zehn
Sekunden, dann steht dieser Weltmeister vor mir! 10...9...8..." "Aber wir
konnten doch nichts dafür." "Frank! Hätte ich mir denken können." Diese
arrogante Stimme verriet nichts Gutes. "Ich war es nicht!" Rasendes Herz und
weiche Knie begleiten diesen Satz, denn wenn Paul von etwas überzeugt ist, muß man sich
in acht nehmen. Paul holt eine Spraydose aus seiner Tasche. Das Feuerzeug in der anderen
Hand. Eine riesen Flamme rollt auf Franks Gesicht zu. Alles wird schwarz ...
"Frank, bist du wach?" Mühsam versucht er, die augen zu öffnen. Dieser Moment
kommt ihm wie eine Ewigkeit vor. Er hat es geschafft. Viele laute Stimmen um ihn herum,
Menschen in weißen Kleidern. Er betrachtet seine Hand, die von einer größeren
umschlungen ist. Seine Mutter sitzt neben ihm. "Ich hab's nicht mehr gehört
..."
Christof R.
Schönes Leben
"He, das macht 50 Märker!" brummte der Dicke in seinem
verdreckten Blaumann und hielt seine mit Öl und Fett verschmierte Hand offen. Der andere
Mann sagte nichts, gab dem Dickwanst sein Geld und steckte die zuvor erworbene
Faustfeuerwaffe in seine linke Innentasche. Die Innentasche seiner schwarzen Lederjacke
war groß. Groß genug für sein neues Gut.
Als er den Anlasser seiner Kawasaki drückte, um loszufahren, machte
sich ein zufriedenes Grinsen daran zu schaffen, sein von Akne befallenes Gesicht noch mehr
zu verunstalten. Es war verständlich, daß er glücklich war, denn alles lief nach Plan.
Die warme und trockene Luft ließ seinen verdorrten hals kratzig werden. Bei der nächsten
Tankstelle hielt er an, um seinem Hals Genugtuung zu verschaffen. Die aus dem Automaten
gezogene Coke sprudelte erfrischend am Gaumen.
Es schmeckte ihm gut, und er dachte, daß ihm auch die Zukunft gut
schmecken wird. Denn er wollte unter seinem jetzigen Dasein einen Schlußstrich ziehen. Er
wollte mehr als nur ein Tagelöhner sein, der sich gerade eine Mietwohnung im Keller einer
alten Frau leisten konnte, wo die Ratten und Spinnen schon als Untermieter bezeichnet
werden durften. Nein, das konnte es nicht sein.
An de Tankstelle, wo der Mann zuvor gehalten hatte, war es heiß und stickig geworden. Das
Aufheulen der Maschine ließ einen in der Eingangstür schlafenden Hund aufschauen. Es
dauerte nicht lange, da legte er sich wieder hin, denn der störende Lärm war schon
wieder verstummt.
Der Mann, der nun wieder auf der Straße donnerte, hatte keine
Freundin. Er hatte auch keine Freunde und Kollegen. Aber bald würde er viele Freund
haben, denn dann würde er reich sein und von allen respektiert. Er fuhr schneller. Es war
spät geworden. Es würde knapp werden, wenn er so weiter träumte.
Die Sonne stand tief und blendete in das verstaubte Fenster der
Sparkasse Stockstadt. Es war eine Viertelstunde vor Feierabend, und die junge Kassiererin
mit ihren roten Haaren bereitete sich gedanklich darauf vor. Der letzte Kund hatte sie
völlig verärgert. Es war der sture alte Bauer vom Ort gewesen, der sich sein gesamtes
Geld auszahlen ließ, um es dann wieder einzuzahlen, nur um zu sehen, ob auch noch alles
da ist. Doch den hatte sie ja nun überstanden. "Mist, gerade jetzt!"
fluchte sie, als der kleien Handventilator seinen Geist aufgab. Gerade jetzt, wo sie ein
wenig Abkühlung nötig hatte.
Als er in die Ortschaft fuhr, zeigten seine Instrumente fünfzig
Stundenkilometer an. "Oh Mann, es wird schon gutgehen, ich werde es schaffen!"
Er schaffte es sogar noch, den Regeln des Gesetzes zu gehorchen, zumindest im
Straßenverkehr. Er merkte eine leichte Anspannung im Körper. In Gedanken spielte er den
Film der nächsten Minuten ab. Er zwang sein Motorrad, in einer Gasse zum stehen zu
kommen. Als er das Leder seiner Jacke beim Absteigen vom Motorrad knautschen hörte,
stellten sich seine schon vor Anspannung gesäumten Nackenhaare auf. Der Weg zum Ziel war
nicht mehr weit. Die Sohlen der Stiefel gaben den Takt an.
Kaum war er aus der Gasse, als ein untersetzer Mann aus der Bank kam
und seine Richtung einschlug. "Ein Glück, noch alles da!" murmelte er und
verschwand um de nächste Ecke. Der Mann in der schwarzen Lederjacke war sich sicher, daß
dies bald nicht mehr der Fall sein würde und ging zur Eingangstür. Die Drehtür hätte
einen Schuß Öl gebrauchen können, doch der Schweiß an seinen Handflächen hätte
ebenfalls genügt.
Er machte die wenigen Schritte, die ihn zum Schalter führten. Sie
sieht häßlich und ungepflegt aus, meldeten ablenkend seine Sinne. Sie hingegen legt ein
freundliches Der-Kunde-ist-König-Lächeln auf und hielt sich zurück, ihn nicht mit einem
Egal-was-Sie-wollen-ich-habe-Feierabend wegzuschicken. "Das ist ein Überfall!"
hätte er sagen können, doch er wußte, daß es gestottert und unverständlich aus ihm
herausgekommen wäre. Ruckartig schnellte er mit seiner linken Hand in die Jackentasche
und holte den vorbereiteten Zettel hervor, um ihn, vom Handschweiß benetzt, auf den
Schalter zu plazieren.
Ihre Augen suchten den Grund dieser plötzliche Reaktion und lasen den
Zettel. "Geld her - das ist ein Überfall", stand da in leicht verschmierten
Blockbuchstaben. Zuerst der alte Bauer und jetzt so ein Aknejüngling? Ne, und das auch
noch vor Feierabend! Ungläubig starrte sie ihn an. Unverständnis, dann Verachtung
mischte sie ihrem Blick bei. Freundchen, dein Kopf scheint in der Kindheit keine einzige
Tischkante ausgelassen zu haben, wenn du denkst, es wäre so einfach.
Was soll das? Sein Gesicht ähnelte langsam drei Fragezeichen. Er
zückte seine Waffe und zielte direkt zwischen ihre tiefen grünen Augen, was das
Augenpaar indes nur in zwei trotzige schlitzige Schießscharten verwandelte.
Es vergingen Sekunden. Der Schweiß lief. Die Anspannung wuchs. Sein
Finger begann, am Abzug zu zittern. Todbringend gähnte der Lauf der Pistole. Er brauchte
das Geld unbedingt. - Doch über Leichen gehen?
"Ach was, vergessen Sie es!" Weg von hier. Zwei Schritte
rückwärts, drehen und dann raus hier. Blöde Zicke, irgendwann ... Jetzt nur die Nerven
bewahren. Niemanden war etwas geschehen. Trotzdem lastete ein Betonklotz auf ihm,
ermüdete seine Beine. Ihm war schlecht, schwindelig. Wer hatte den Weg bloß verlängert?
Gott sei Dank! Die Maschine heulte auf. Der Motor schrie all seinen
Frust heraus. Mit schwarzen Blick fuhr er davon. Der Weg lang. Das Ziel unbekannt.
Carsten D. |
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